Täglich grüßt das Murmeltier


Gott sei Dank kann man sich noch auf ein paar Dinge verlassen. Die Sonne geht auf und wieder unter. Die Bildzeitung bringt immer wieder Falschmeldungen und das Feuilleton hat immer noch die intellektuelle Überheblichkeit fest integriert.

Ich habe hier mal ein paar Medienberichte zusammengestellt. (Wer diesen Artikel wirklich verstehen will, sollte die Rede von Frau Lewitscharoff aufmerksam lesen. Ja, die investierte Zeit wird sich rechnen.)

Sibylle Lewitscharoff hat in Dresden eine skandalöse Rede gehalten, für die sie in alle Zeit hin gebrandmarkt werden muss. Diesen Eindruck versucht aktuell die deutsche Presse zu vermitteln.

Haben Sie schon einmal (also vor diesen Tagen) von den Dresdner Reden gehört? – Nein? Ich auch nicht. Scheint bisher also nicht den großartigen, prägenden Einfluss auf unsere Gesellschaft gehabt zu haben.

Stefan Niggemeier wunderte sich noch, warum niemand auf diese Rede reagiere. Und wenn der Großmeister der deutschen Blog-Kultur ruft, dann verwehrt man sich nicht. Dass Niggemeier in Bezug auf Literatur (und nichts anderes ist diese Rede) etwa so bewandert ist, wie Flip der Grashüpfer hinsichtlich von Quantengravitation, ist ein anderes Thema.

Aber da war der erste Stein schon gefallen und schon ging es heiß her.

Georg Diez konnte gar nicht mehr an sich halten, „Klerikalfaschismus“, das „Ende der Aufklärung“, „Antimodernität“ – es sprudelte nur so aus ihm heraus! Er rief die Literaturszene zu Widerstand auf: Deutsche, lest nicht bei der Lewitscharoff!

Wie konnte man bloß so einer Frau so viele Preise verleihen?! Und überhaupt: die Preis-Treiberei des Literaturbetrieb ist längst abgegriffen. (Hat Diez schon einmal einen Preis gewonnen? Oder woher entspringt dieser schamlose Neid?)

Lesekompetenz und eine neutrale Herangehensweise an das Thema darf man hierbei natürlich nicht erwarten. Dieses Prädikat darf allein die FAZ für sich beanspruchen, die in einem überraschend objektiven Interview die Autorin zu Wort kommen lässt. Ich bin dafür, dem Redakteur einen Preis (den Georg-Diez-Preis für dialektische Kritik) zu verleihen, für dessen investigative und doch stets entlarvend neutrale Fragen.

Aber halt. So viel Gegenrede kann (selbst der Intendant des Dresdner Theaters, wo die Rede gehalten wurde, schrieb einen offenen Brief) noch nicht genug gewesen sein. Schließlich muss die deutsche Öffentlichkeit wissen, welch ekliges und widerwärtiges Stück Rede ihr da entgangen ist.

Während das Feuilleton sich also weiterhin an einzelnen Wortfetzen ergötzte und der Richtigkeit des eigenen Denkens frönte, schrieb Sibylle Berg – denn es war noch nicht genug geschrieben worden – schnell noch eine Kolumne.

Verstehen Sie, geneigter Leser, was Frau Berg ausdrücken will? Ich nicht. Man möchte meinen, diese Frau wäre Autorin. Aber die Verwirrtheit scheint ein Stilmittel zu sein. Kapitalismus, persönliches Versagen – Wunderwerke entsprangen ihrer Phantasie. Irgendwo schien sie auch bei dem Überfliegen der Rede das Wort „Schuld“ entdeckt zu haben. Homophobie darf natürlich in einem solchen Manifest auch nicht fehlen.

Etliche weitere Artikel kursieren im Netz. Etliche werden noch ihren Weg finden. Alles ist eines gemeinsam: Anstatt, wie bei einem literarischen Werk das Ganze zu betrachten, betrachtet man lieber jedes Stück für sich.

Wie Streithähne es in Internetforen tun, wird zitiert, was das Zeug hält. Es wird zerklaubt, Passagen werden überzogen und Frau Lewitscharoff an den Pranger gestellt, dass selbst gelenkte Medien in autoritären Staaten angetan wären davon. So schön kann Kritik sein.

Abseits von aller Kritik gibt es auch noch ruhigere Herangehensweisen. Es gibt sie, die unaufgeregten Denker, die sich ihrer Position noch sicher sind. Die sich nicht der nuklearen Vernichtung des Gegners hingeben und sich sagen: Meinung bleibt Meinung bleibt Meinung.

Und auch Zuspruch gibt es.

Ja, ich muss Frau Lewitscharoff in vielerlei Hinsicht in ihrer Rede recht geben. Wir machen uns eindeutig zu wenig Gedanken, welche Konsequenzen unsere Handlungen hinsichtlich von Leben und Tod haben. Für vermeintliches Glück tut der Mensch viel.

Und abseits davon, wie man zu Patientenverfügung, Samenspende und künstlicher Befruchtung steht, ist die Rede ein rhetorisches Feuerwerk. Diese Frau kann schreiben! (Was ja auch nicht verwunderlich ist, einen Büchner-Preis bekommt man eben nicht mal so eben.)

Wie sagte es Alexander Kissler so treffend?

Wo sind sie hin, die großen Leidenschaftlichen der Literatur? Karl Kraus käme heute nicht über einen Kleinverlag hinaus, Léon Bloy würde nicht gedruckt, ein Rudolf Borchardt hätte es noch schwerer als ohnehin. Von ihm stammt die Selbstaussage: „Ich stelle dar, ich greife an.“ Genau das ist des Poeten Beruf. Thomas Bernhard wusste noch, dass man die Dinge aufblasen muss, um sie sichtbar zu machen. Nichts anderes tat Sibylle Lewitscharoff. Sie stellte dar, sie griff an, sie blies auf. Eine Gesellschaft, die daran derart geschlossen Anstoß nimmt, will den Dichter weg haben aus ihrer Mitte. Sie will ihn ersetzen durch jene Hohepriester des juste milieu, die unmittelbar vor Lewitscharoff an selber Stelle im Staatsschauspiel ihre „Dresdner Rede“ hielten: Heribert Prantl, Jürgen Trittin, Roger Willemsen. Über Demokratie, Umweltschutz, Ökologie.

Auch die Furien des Feuilleton verziehen sich irgendwann. Die Reaktion gegenüber Frau Lewitscharoff war der Sache wenig dienlich.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller